05.01.22: Zu laute Gottesdienste

05.01.22: Zu laute Gottesdienste

Etwa zwei Drittel der Bevölkerung leiden unter zu viel Lärm. Die vielfachen negativen Auswirkungen dieser Situation werden immer intensiver erforscht. Immobilienmakler*innen wissen um den monetären Wert einer ruhigen Lage. Bis heute verstehe ich nicht, warum viele Lärm erregende Maschinen, Werkzeuge und Fahrzeuge noch immer verkauft und verwendet werden dürfen, obwohl es mittlerweile leisere Alternativen gibt. Lärm kostet vielen Menschen Ruhe und Ausgeglichenheit. Bei meinem ersten Besuch in China wunderte ich mich, warum es in den Megastädten trotz vieler Motorräder so leise war. Dann entdeckte ich, dass mehr als 90% der einspurigen Fahrzeuge elektrisch betrieben wurden und daher kaum Lärm und Abgase emittierten.

Zu laut empfinde ich auch viele Gottesdienste, zu viel Reden, zu viel Action, zu wenig Stille. Bei einem Studientag arbeiteten wir zur Frage: Wie könnte eine Minute Stille die Liturgie revolutionieren? Spontaner Auslöser waren zwei Aspekte: Zum einen wurde beim eingangs gestalteten Gebet konsequent die liturgische Rubrik „kurze Stille“ einfach ignoriert. Zum anderen bejahten über 90% der Teilnehmer*innen meine Eingangsfrage „Ich habe eine anstrengende Woche hinter mir!“ Ergebnis der folgenden 15-minütigen Kreativarbeit war nicht nur eine starke Vision, dass gemeinsame Stille auch für „Seltenkommer*innen“ ein Pull-Faktor werden könnte, sondern auch konkrete Ideen, wie diese Vision konkret und qualitätsvoll umgesetzt werden könnte.

Die Aktion „Stille Schenken“ der Akademie für Evangelisation in Wien ist ein schönes Beispiel, wie solche Initiativen nicht nur in der Liturgie, sondern auch im digitalen Raum auf positive Resonanz stoßen.

Dr. Georg Plank, Pastoralinnovation

Tipp: akademie-wien.at/stille-schenken-zeit-fuer-eine-geistvolle-solidaritaet/

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2 Kommentare zu „05.01.22: Zu laute Gottesdienste

  1. Das Thema trifft einen Nerv. Das Bedürfnis, selbst zuerst zur Ruhe zu kommen, meine eigenen Worte und Gedanken zu ordnen und abzulegen, damit Gott mit seinem Wort nicht ins Leere spricht, ist groß. Unser Leben ist so voller Töne, Lärm, Unsicherheit, Vielfalt etc., dass die Botschaft “Gott ist da” nur dort ankommen kann, wo der Mensch sagen kann: Ich bin da. Nämlich ganzkörperlich, mit meinem Geist und meiner Seele da. Dieses Stillwerden braucht Zeit, Raum, auch Einladung und Anleitung.
    Gemeinsame Stille im Gottesdienst habe ich vor 20 Jahren bei den Jesuiten in Paris bei einer “Messe, qui prend son temps” kennen und schätzen gelernt. Das Evangelium wird in dieser Feier viermal an verschiedenen Stellen gelesen und in einer persönlichen Stille von 15 min vertieft, dann gibt es Austausch. Da kann wirklich etwas ankommen im Dialog Gottes mit dem Individuum und im Dialog des Geistes im Austausch der einzelnen Individuen untereinander.
    Ein Versuch, diesen Raum für die gemeinsame Stille zu schaffen, ist auch der Magdalenengottesdienst, ein meditativer Gottesdienst von Frauen für Frauen und Männer gestaltet, im Seelsorgeraum Graz-Nord. Ankommen mit Körper, Geist und Seele, wenig Text, ein Bibelwort, Stille bzw. Zeit für die persönliche Vertiefung und immer ein Element des Teilens und des Segnens. Die Stille füllt sich jedes Mal wunderbar mit der Erfahrung von Sinn, Sendung, Kraft, Angenommensein. Und ja: Auch wir merken das: “Seltenkommende” zieht diese Ruhe vor Gott an!
    Nächster Termin: 6.2.2022, 18:00 Salvatorkirche Graz.
    Es ist doch ein verheißungsvoller Gedanke:
    Gottes-Dienst ist (auch) Gottes Geschenk an uns, nicht nur unser Dienst und Tun an Ihm. Gott hat gute Ideen für unser Leben – wohl auch für die Kirchen: Lernen wir zuzulassen, zu schweigen und zu hören.

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